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Behind the Scenes im Museum (Teil 4)

Mobile museum_social Media_Apps

Museen sind längst nicht mehr nur der Plan Z an einem Regentag. Verstaubte Kunst für Kenner „only“ war einmal – sie setzen in der Kulturlandschaft Zeichen. Auch in der Digitalen Landschaft – die neue Spielwiese der zeitgenössischen Kunst und Kommunikation über Kunst. Denn auch Kunst will kommuniziert werden.

In unserer Museums-Blogserie räumen wir mit den Vorurteilen auf, die in unseren Köpfen beim Thema Museum herrschen.Im ersten Teil unserer Blog-Serie blickten wir auf die digitale Transformation von Museen, im zweiten Teil schauten wir auf Museen, als außergewöhnliche Locations und im dritten Teil sprachen wir mit Dr. Christian Gries von den Kulturkonsorten über Möglichkeiten und Einsatz von Social Media für Museen und Events.

Im heutigen Interview sprechen wir mit der promovierten Kunsthistorikerin Dr. Tanja Praske – eine der deutschen Vorreiterinnen der digitalen Kulturszene. Ihre Arbeit hört sich für manche Menschen wie eine Buch mit sieben Siegeln an: Tanja Praske ist Kulturbloggerin und Dozentin. Sie berät Kulturinstitutionen zu digitalen Strategien und entwickelt und setzt digital-analoge Vermittlungskonzepte um.

Tanja Praske Blogbeitrag Agentur Brand.L

Zuletzt verantwortete Tanja Praske für die Bayerische Schlösserverwaltung (BSV) das Projektmanagement, Konzept- und Inhaltserstellung der App „Schlosspark Nymphenburg. Lustwandeln im Garten“ und Video. Sie organisierte den Tweetwalk #Lustwandeln im April 2015, für den die BSV den Virenschleuderpreis 2015 in der Kategorie „ansteckendste Kampagne“ erhielt. Zuvor baute Tanja Praske, während ihres wissenschaftlichen Volontariats in der Museumsabteilung der BSV, die Social Media Präsenz des Residenzmuseums in München auf (Blog, Facebook) und schrieb Texte für die Ludwig II.-App der Bayerischen Staatsbibliothek.

In einem Gespräch mit dem Brand-Blog verrät Tanja Praske ihre Ansichten, Ideen und neuesten Projekte.

Kultur im Wandel Gespräch mit Dr. Tanja Praske

Brand-Blog: Tanja, gerade scheint nahezu jedermann über „Digitale Transformation“ zu sprechen. Kulturinstitutionen wie Museen scheinen vielen Unternehmen einen Schritt voraus zu sein. Wie siehst du als Insiderin die Veränderung der Kulturszene in die digitale Welt?

Tanja Praske: Das wäre wunderbar, wenn Kulturinstitutionen wie Museen hinsichtlich der digitalen Transformation vielen Unternehmen einen Schritt voraus wären. Doch glaube ich nicht daran. In einigen wenigen Fällen mag das zutreffen. Nur ist die digitale Transformation nicht überall gleich angekommen, erkannt und umgesetzt. Wenn das hieße, eine Facebook-Seite zu haben, auf der Veranstaltungshinweise ins Social Web hinausgepustet werden, dann okay: Die haben viele Museen. Ist das aber ausreichend? Warum sollten die Menschen, die potentiellen Besucher, das liken oder darauf reagieren? Wenn es darum geht, das „Social“ in Social Media zu leben, dann sieht es in vielen Fällen nicht ganz so rosig aus.

Die meisten Museen haben keinen Social-Media-Verantwortlichen, geschweige denn eine digitale Strategie; anders als in Amerika, England, den Niederlanden oder Skandinavien. Diese Länder sind uns um Welten voraus. In Deutschland sind die Museen notorisch unterbesetzt und alten Strukturen verhaftet. Diese lassen wenig Spielraum für Neues zu. Neue Stellen für neue Aufgaben gibt es kaum. Change Management ist gefragt, das heißt, wie können Mitarbeiter für das Social Web bzw. für die Digitalisierung der Gesellschaft fitgemacht werden? Von welchen Aufgaben müssen sie befreit werden? Worauf sollen sie fokussieren? Das ist eine Frage des Priorisierens und eng verbunden mit den Zielen der Kulturinstitutionen.

Die digitale Transformation der Gesellschaft lässt sich definitiv nicht umkehren, sie ist da und wächst sich weiter aus. Entweder macht das Museum oder das Unternehmen mit, oder sie werden langfristig, vielleicht sogar schon mittelfristig von der Bildfläche verschwinden, wenn sie nicht dort in Erscheinung treten, wo sich die Menschen bewegen – nämlich im Netz. Und ich spreche noch nicht einmal von zeitgemäßer Kommunikation, die auf die geänderten Wahrnehmungsstrukturen der Menschen eingeht. Wie informierst du dich, wenn du beispielsweise deinen Urlaub planst? Digital, oder? Wer also hier gut aufgestellt ist, wird gefunden, wird wahrgenommen werden – ein erster Touch Down auf dem Weg des Visitor Journeys.

In den Kulturinstitutionen und den Museen startet allmählich ein Prozess des Umdenkens. Dass die digitale Transformation funktionieren kann, zeigen neben großen Häusern wie das Städelmuseum, die Schirn auch andere, wie das Marta Herford Museum, das Historische Museum Frankfurt, das Archäologische Museum Hamburg, das Historische Museum Basel, die Fondation Beyeler oder auch das kleine Museum Burg Posterstein und weitere. Einige richteten tatsächlich Stellen für die digitale Kommunikation und Vermittlung ein, andere, wie das Stadtmuseum Abensberg, integrierten das Digitale in den Arbeitsalltag.

Das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer digitalen Kommunikationsstrategie und damit für die Umsetzung der digitalen Transformation wächst. Das ist das Positive daran. Auch wenn es noch ein langer Weg ist, bevor das Digitale tatsächlich zur Normalität in Kulturinstitutionen geworden ist.

Storytelling in der Museumslandschaft

Brand-Blog: In deiner Funktion als wissenschaftliche Mitarbeiterin hast du in München einen Teil der „Digitalen Transformation“ mit vorangetrieben. Für die Bayerische Schlösserverwaltung warst du für die Entwicklung einer App als neue Form der digitalen Kulturvermittlung ausschlaggebend mit verantwortlich. Kannst du uns über dieses Projekt berichten?

Tanja Praske: Ja, zwei Jahre lang war ich für Neue Medien mit Fokus auf Apps bei der Bayerischen Schlösserverwaltung zuständig. Hier ging es darum, eine App zu entwickeln, die nachhaltig ist und gerne benutzt wird. Dazu sondierten wir die Marktlage, definierten unsere Zielgruppe und schauten, was die Benutzer sich von einer Kultur-App wünschen und was nicht. Das glichen wir mit unseren Möglichkeiten ab, schließlich muss die App auch nach Projektende weiterbetreut werden können.

Wir entschieden uns dafür, die App „Schlosspark Nymphenburg. Lustwandeln durch den Garten“ zu entwickeln. Sie ist eine native App, d.h. alle Inhalte befinden sich einmal heruntergeladen auf dem Smartphone, eine Internetverbindung ist in der weiteren Nutzung nicht mehr nötig. Sie ist kostenfrei sowohl für Android als auch für iOS und auf Deutsch sowie Englisch verfügbar. Hauptziel der App ist es, den Park als ein Gesamtkunstwerk zu vermitteln und Unsichtbares sichtbar zu machen. Wir zeigen den Wandel vom Barockpark zum Englischen Landschaftsgarten und gleichen das mit dem aktuellen Zustand ab.

Dazu ließen wir 23 Stationen im Park via GPS-Verortung programmieren. Der Nutzer wählt aus drei geführten Touren aus, oder er erkundet den Schlosspark auf eigene Faust. Ist das GPS seines Handys angestellt, wird er, sobald er an einer Station anlangt, über abrufbare Inhalte via Signalton informiert. Er entscheidet dann, ob er sich diese anhören möchte oder nicht. Die Wahlmöglichkeit ist wesentliches Kriterium in der Konzeption gewesen, deshalb bietet die App ganz verschiedene Filter an, um auf die Inhalte zu zugreifen via Kartenfunktion, Stationsübersicht, Augmented Reality, Volltextsuche oder GPS-Touren.

Die App soll den Nutzer unterhalten, ihm Geschichten zum Park vermitteln und das Erlebnis vor Ort bereichern, aber auch zur Vor- oder Nachbereitung des Besuchs dienen. Inhaltlich setzten wir auf Storytelling: Wir erzählen lauter kleine Geschichten, die zumeist bereichert werden von Zitaten aus dem 19. Jahrhundert oder noch älter. Wir wollten die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden. Höfisches Leben mit aktuellem Lustwandeln kombinieren. Sämtliche Geschichten können angehört bzw. gelesen werden. Eine Haupt-Audiospur erzählt das Wesentliche zur Station, die Vertiefungsebene greift einen weiteren Aspekt heraus. Zoombare Bilder in den Fotogalerien, Experten-Interviews, Animationen sowie ein Oktokopterflug runden die Inhalte der App ab. Zwei Spiele für Vor- und Grundschüler sorgen für Kurzweil. Enzyklopädisches Wissen lagerten wir im Personenregister und im Zeitstrahl aus.

Dazu bietet die App eine Kamerafunktion an. Der Nutzer kann, ohne die App zu verlassen, sein Foto machen, das in der Fotogalerie des Handys gespeichert wird. Eine offene Schnittstelle zum Betriebssystem des Handys ermöglicht es ihm, das Bild über die von ihm benutzten Apps ins Social Web zu teilen. Ein integrierter QR-Code-Reader erlaubt kurzfristige Inhalte abrufbar zu machen. Über eine Pushbenachrichtigung können wir den Nutzer in 120 Zeichen über einmalige Aktionen oder besondere Ereignisse im Park informieren.

Für uns war der Aspekt der Nachhaltigkeit der App wesentlich. Sie soll vor Ort bereichern, aber auch zu Hause zum Stöbern einladen. Wir fertigten die Inhalte in hoher Qualität an, um sie später in andere Kontexte überführen zu können.

Über das App-Projektmanagement berichtete ich ausführlich in „Projektmanagement einer Museumsapp: Worauf kommt es an?“. Dazu zählten natürlich auch Marketingmaßnahmen. Diese waren von Anfang an mit eingeplant. Wir setzten sie im Frühjahr 2015 um. In meinem WebTalk „61. Treffpunkt Kulturmanagement: Projektmanagement in der digitalen Kulturvermittlung “ gehe ich auf diese Kampagnen und Aktionen ausführlich ein.

DOs und DON’Ts von Apps

Brand-Blog: Was muss eine App können bzw. was darf sie nicht?

Tanja Praske:

Eine App muss:

  • unterhalten, Spaß machen, spannend sein
  • einen Mehrwert zu den anderen Angeboten der Kulturinstitution bieten
  • für die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse gemacht sein
  • intuitiv sowie interaktiv sein
  • Gesprächsthema sein und Lust auf mehr Kultur machen
  • Geschichten erzählen
  • den Entdeckergeist des Nutzers wecken

Eine App darf nicht:

  • allein der Technik wegen geschaffen sein. Devise muss sein „form follows function“ und nicht andersherum
  • Selbstzweck sein; Vermittlungsziele müssen vorher definiert sein
  • nicht auf die Zielgruppe eingehen
  • enzyklopädisch sein bzw. den Katalogtext in die App überführen
  • eine verkleidete Website, Audio- oder Multimediaguide sein
  • langweilig sein

Was eine Museums-App können muss, wurde bereits 2013 auf der Maitagung diskutiert. Die Ergebnisse von damals sind bis heute gültig.

Erfolgsmessung im digitalen Museumsalltag

Brand-Blog: Und wie wird der Erfolg gemessen?

Tanja Praske: Wie definiert man Erfolg? Das muss geklärt sein. Sind es die reinen Download-Zahlen? Wie schaut es mit der Verweildauer der App auf dem Handy aus? Nach der Nutzung werden die meisten Kultur-Apps wieder deinstalliert. Bleibt aber weit mehr als zehn Prozent der downgeloadeten App installiert, ist das ein guter Wert.

Die Marketing-Maßnahmen zur Bewerbung der App sollten ins Verhältnis zu den Download-Zahlen gesetzt werden. Bei den meisten Kultur-Apps wird ans Marketing gar nicht gedacht. Eine App muss beworben werden, um erfolgreich zu sein. Von nichts kommt nichts. Wie wird über die App gesprochen, positiv, negativ oder neutral – das ist auch ein Erfolgsfaktor. Das setzt natürlich ein professionelles Monitoring im Digitalen wie Analogen voraus.

Brand-Blog: Nun hast du gerade auch den digitalen Vormarsch mit Live-Events verbunden. Beispielsweise hast du für das „Tweetwalk #Lustwandeln“ 2015 den Virenschleuderpreis der Frankfurter Buchmesse gewonnen. Magst du uns darüber berichten?

Gewinner des Virenschleuderpreis 2015 im Beitrag zum Thema Museen
Gewinner Virenschleuderpreis 2015

 

Tanja Praske: Dazu müsste ich jetzt einen separaten Blogpost schreiben, da es das Thema in sich hat. Wie TweetUps organisiert werden, führte ich in „Tweetup – was bringt es? Von der Idee zur Entwicklung“ aus.

Ein TweetWalk oder TweetUp ist eine spezielle Führung für Twitterer, Instagrammer und Blogger (jetzt wohl auch Snapchatter) in einer Kulturinstitution oder wie bei uns, in einer historischen Parkanlage. Über einen vorher definierten Hashtag wird die analoge Führung in Echtzeit ins Digitale getragen. Die Freunde bzw. Follower der Teilnehmer werden über das Gehörte und Gesehene wort- und bildreich informiert, zudem ist das Thema für alle anderen im Netz auffindbar. Wie wir den TweetWalk #Lustwandeln durchgeführt haben, beschreibe ich in: „Tweetup oder Tweetwalk: Was bringen sie? #Lustwandeln zeigt’s!“

Da wir keinen eigenen Twitter-Account – außer meine privaten – hatten, führten wir den TweetWalk mit den Kulturkonsorten als Kooperationspartner im Netz durch. Beide Seiten schmiedeten, nachdem das Konzept stand, die Zielgruppe definiert war, im Vorfeld Allianzen mit anderen Kulturinstitutionen, Influencern und Medienvertretern. Drei Wochen vor dem TweetWalk streuten wir gezielt Informationen und Geschichten. Das Hashtag #Lustwandeln entwickelte sich sehr früh zum geflügelten Wort. Es entfaltete eine enorme Viralität, die am Tag des TweetWalks (19.4.15) kulminierte und massiv nachbrannte via Blogposts und Medienberichterstattung. Vom 23.4.15 bis zum 7.5.15 gab es 3.167 Tweets mit einer potentiellen Impression (= Reichweite) von 3.696.300. Dafür und für die Allianz vieler Kulturinstitutionen, die erstmals von einem Haus, nämlich von der Bayerischen Schlösserverwaltung ausging, erhielten wir den Virenschleuderpreis in der Kategorie „ansteckendste Kampagne“. Die Download-Zahlen der App konnten über die Aktion #Lustwandeln um 40 % gesteigert werden.

Das Hashtag #Lustwandeln hat sich seither etabliert: Es bezeichnet das genießerische Flanieren durch wunderbare Gärten oder Orte. Und eines darf ich schon jetzt verraten: Es wird ein Revival des #Lustwandelns am 8.10.2016 geben – wir stricken gerade das Konzept. Mehr dazu dann Mitte September bei mir im Blog – Spannung muss sein!

Lustwandeln im Schloßpark im Beitrag zum Thema Museum
Lustwandeln im Schloßpark

Brand-Blog: Zur Zeit unterrichtest du an der Ludwig-Maximilian Universität in München Studenten im Fach „Digitale Kunstwissenschaften“; was ist dein wichtigstes Anliegen, das du ihnen mitgeben möchtest?

Tanja Praske: Seid offen für die digitale Kulturvermittlung, experimentiert, spielt, macht Praktika noch während des Studiums und vor allem vernetzt euch, fangt an zu bloggen, macht euch einen Namen im Web, dann gelingt der Einstieg ins Berufsleben, auch als Kunsthistoriker!

Brand-Blog: Liebe Tanja, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen dir weiterhin viel Erfolg.

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